Es beginnt wie so oft in der Wirtschaft mit einer Idee. Jemand erkennt ein Bedürfnis, entwickelt eine Lösung, investiert Kapital – und erzählt eine Geschichte. Denn gerade bei komplexen Produkten oder Dienstleistungen reicht Technik allein nicht. Man muss erklären, warum sie gebraucht werden. Warum, wie bei einem Rechenzentrum, sie mehr sind als Beton, Stahl und Server. Warum sie das unsichtbare Rückgrat einer digitalen Gesellschaft bilden.
In Groß-Gerau hätte genau so eine Geschichte beginnen können.
Ein Investor, Medienberichten zufolge mit internationalem Hintergrund, sicherte sich ein Grundstück. Geplant war ein groß dimensioniertes Rechenzentrum. Ein Projekt, das – so die Befürworter – Millioneninvestitionen, Gewerbesteuereinnahmen und eine langfristige Stärkung des Standorts bedeutet hätte. Eine Stadt, die nicht gerade für sprudelnde Steuereinnahmen bekannt ist, hätte plötzlich ein Zukunftsprojekt vor der Tür.
Doch diese Tür blieb geschlossen.
Groß-Gerau liegt strategisch günstig im Rhein-Main-Gebiet, in Reichweite von Frankfurt am Main – einem der wichtigsten Internetknotenpunkte Europas. Die Region gilt als Hotspot für Rechenzentren. Internationale Konzerne investieren hier Milliarden in digitale Infrastruktur.
Und doch sagte die Stadtverordnetenversammlung Nein.
Medien berichteten, dass insbesondere die Grünen das Projekt kritisch sahen. Argumentiert wurde mit der Größe des Gebäudes, der möglichen Dominanz im Stadtbild, dem Energieverbrauch und der Flächennutzung. Auch die FDP stimmte gegen das Vorhaben – ein Detail, das in Kommentaren für Verwunderung sorgte.
Die Silhouette von Groß-Gerau dürfe nicht beeinträchtigt werden, hieß es sinngemäß. Ein Rechenzentrum, das die Stadt überrage, passe nicht ins Bild.
Man könnte nun fragen: Welches Bild eigentlich? Meines Wissens hat Groß Gerau nicht die Silhouette von Florenz.
Rechenzentren sind keine Kathedralen. Sie sind funktionale Bauwerke. Doch sie sind zugleich das Fundament moderner Wirtschaft: Cloud-Dienste, Streaming, Onlinehandel, Industrie 4.0 – all das läuft über Serverfarmen. Ohne sie kein digitales Geschäftsmodell, keine KI-Anwendung, kein global vernetztes Arbeiten.
Deutschland diskutiert auf Bundesebene über Digitalisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsoffensiven. Gleichzeitig klagen Unternehmen über langwierige Genehmigungsverfahren, hohe Energiekosten und bürokratische Hürden. Viele Unternehmen investieren im Ausland, gehen in die Insolvenz und Leistungsträger wandern aus. Der Fall Groß-Gerau wirkt vor diesem Hintergrund wie eine Szene aus einem Lehrbuch über Standortparadoxien.
Ein Investor kauft ein Grundstück. Er verlangt – anders als andere prominente Projekte – offenbar keine milliardenschweren Subventionen. Und dennoch scheitert das Vorhaben an der politischen Mehrheit vor Ort.
Das Signal? Planungssicherheit ist relativ.
Deutschland befindet sich wirtschaftlich in einer schwierigen Phase. Hohe Energiepreise, geopolitische Spannungen und eine schwächelnde Industrie prägen die Schlagzeilen. Gleichzeitig wird betont, wie wichtig ausländische Investitionen für Wachstum und Beschäftigung sind.
Kommt aber versehentlich mal jemand, der investieren will, ist es auch nicht recht: Selbst in wirtschaftlich angespannten Zeiten ist man bereit, ein Großprojekt abzulehnen – aus städtebaulichen und ökologischen Bedenken. Und weil das Geld ja vom Amt kommt und man keine Investoren braucht.
Das ist legitim. Kommunale Selbstverwaltung ist ein hohes Gut. Städte dürfen entscheiden, wie sie wachsen – oder eben nicht wachsen wollen. Doch wer kein Geld will, muss dann halt auch ohne Geld klarkommen. Und das wird nicht passieren. Weil Dummheit in Deutschland immer belohnt wird.
Investitionen in Deutschland sind möglich, wie das Rechenzentrum von Nvidia und der Deutschen Telekom bei München zeigt, aber sie erfordern Geduld, politische Sensibilität und eine überzeugende Narrative. Technik allein reicht nicht – man muss die Menschen mitnehmen. Offenbar hat es dem Investor daran gefehlt. Oder vielleicht hätte auch die beste Story bei einer derart bockigen Stadtverwaltung nichts gebracht.
Die Bürger, die alle abhängig sind nach Internet, Whatsapp, Instagram und Online Shopping bei Amazon (übrigens alles US Unternehmen) wollen schnelles Internet aber bitte keine Rechenzentren. Politiker in Deutschland können es sich halt leisten, ihre Untertanen für dumm zu verkaufen und ihnen einzureden, Industrie ginge ohne Strom, Internet und KI ohne Rechenzentren und Sozialleistung ohne Steuereinnahmen.
Ob Groß Gerau eine schlaue Entscheidung getätigt hat, , wird nicht in der Silhouette der Stadt sichtbar werden, sondern in den künftigen (roten) Zahlen.
usprünglich erschienen auf Focus Online :https://www.focus.de/politik/deutschland/gross-gerau-stoppt-rechenzentrum-wer-kein-geld-will-muss-halt-auch-ohne-klarkommen_bc46186e-2697-47a9-8bac-ade4c62685bf.html