06.02.2026
Halbherzigkeit als Systemproblem – was Hannibal Lecter mit Staatsverschuldung und Streusalz zu tun hat. 

Halbherzigkeit als Systemproblem – was Hannibal Lecter mit Staatsverschuldung und Streusalz zu tun hat. 

Als dem fiktiven Serienkiller Hannibal Lecter in Roman und Film Red Dragon in der Anstalt wegen schlechten Benehmens seine Bücher entzogen werden, kommentiert er dies in einem Brief an Clarice Starling mit einem bitteren Satz: Wir lebten in primitiven Zeiten – weder wild noch zivilisiert. Eine rationale Gesellschaft, so Lecter, würde ihn entweder erschießen oder ihm seine Bücher wiedergeben. Unser Problem seien die Halfmeasures, das Halbherzige.
So zynisch diese Figur ist, so treffend ist die Beobachtung. Denn genau diese Halbherzigkeit prägt derzeit viele politische Entscheidungen in Deutschland – mit spürbaren Folgen für Wirtschaft, Staat und Gesellschaft.

Beispiel 1: Staatsfinanzen ohne Konsequenz

Ein Gutachten des Institut der deutschen Wirtschaft zeigt deutlich, dass der deutsche Staat langfristig mehr ausgibt als er einnimmt. Besonders die Zinslast und die Kosten des Sozialstaats wachsen dynamisch. Was wahrscheinlich nur Politiker überraschen kann. Deutschland funktioniert zunehmend wie eine gigantische Umverteilungsmaschine: Wer arbeitet, kriegt Geld weggenommen, wer nicht arbeitet, kriegt Geld überwiesen. Am besten ins Ausland. 

Die unbequeme Wahrheit liegt offen auf dem Tisch. Doch anstatt die Ausgabenstruktur grundsätzlich zu reformieren, begnügt sich die Politik mit kosmetischen Korrekturen. Niemand will das Übel an der Wurzel packen, weil das bedeuten würde, klare Prioritäten zu setzen und Verlierer zu benennen. In Unternehmen, die in Schieflage sind,  wäre ein solches Wegducken angesichts struktureller Defizite ein sicherer Kündigungsgrund für das Management.

Beispiel 2: Streusalz, Berlin und die Angst vor Trade-offs

Ein zweites, fast schon symbolisches Beispiel liefert mal wieder Berlin. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegnererbrachte eine strategische Glanzleistung und ermöglichte die Nutzung von Streusalz, weil selbst ihm offenbar einleuchtete, dass Knochenbrüche und Haftungsfragen teurer sind als mögliche Umweltschäden. Eine rationale Abwägung – eigentlich. Nachdem er lange über X beim Parlament darum gebettelt hatte, durfte seine Verkehrssenatorin das umsetzen. Allerdings ohne am Streusalzverbot, das eigentlich immer noch gilt, irgendetwas zu ändern. 

Doch zu echter Führung gehören Trade-offs: Man entscheidet sich für etwas und gegen etwas anderes. Genau das scheut die deutsche Politik. Prompt intervenierten der NABU und ein Gericht. Vom Bürger nicht gewählte Gerichte haben ja in Deutschland ohnehin deutlich mehr zu sagen als vom Bürger gewählte Politiker. Ergebnis: Private dürfen kein Salz streuen, die Berliner Stadtreinigung schon. Als ob das identische Salz dadurch umweltfreundlicher würde.

Darüber kann man sich zu recht ärgern, aber das Urteil bestätigt geltendes Recht – und bestraft damit das politische Durchwursteln. Richtig jämmerlich ist immer, dass gerade Politiker, deren einzige Aufgabe es ist, Gesetze zu erschaffen, zu verändern oder sie abzuschaffen (darum nennt man sie im Englischen „lawmakers“) sich immer darüber ausheulen, wie furchtbar doch die Gesetze sind. 

Ein bisschen verbessern, ohne jemandem weh zu tun, funktioniert halt nicht. In der Wirtschaft wäre ein Manager, der in einer Krise so agiert, nicht lange im Amt; außer er würde für ein staatliches Unternehmen arbeiten.

Fazit: Was das für Unternehmen und Bürger bedeutet

Deutschland leidet nicht an fehlendem Wissen, sondern an fehlender Konsequenz. Die unangenehmen Gespräche werden vertagt, die harten Entscheidungen verwässert. Für Bürger heißt es: Heute Bequemlichkeit, morgen drastischere Einschnitte.

Der alte Satz bleibt wahr: Entweder man führt unangenehme Gespräche in der Gegenwart – oder man erlebt unangenehme Szenarien in der Zukunft. 

Ursprünglich erschienen in Focus Online: https://www.focus.de/politik/deutschlands-halbherzigkeit-frisst-zukunft-geld-und-vertrauen_85a1dc5d-8204-46b8-b6c6-84c7f27efb56.html

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