Europa wirkt derzeit wie ein trotziges Kind, das lieber beleidigt den Raum verlässt, als sich mit unangenehmen Wahrheiten auseinanderzusetzen. Ein bezeichnendes Beispiel dafür lieferte EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Lagarde verließ in Davos den Saal während eines – zugegeben nicht sonderlich freundlichen – Vortrags des US-Handelsministers Howard Lutnick. Inhaltlich unbequem, im Tonfall hart – aber genau das ist derzeit die Realität, der sich Europa stellen müsste.
Man muss weder Donald Trumps Griff nach Grönland noch seine provokanten Reden in Davos gut finden. Doch das Problem sitzt nicht nur in Washington, sondern in Europa selbst. Seit Jahrzehnten wurden gute konjunkturelle Zeiten verschlafen – besonders in Deutschland.
Europa und besonders Deutschland profitierte lange von stabilen Märkten, günstiger Globalisierung und einer starken industriellen Basis. Diese Phase hätte genutzt werden müssen, um die wirtschaftliche Freiheit zu stärken, Innovationen zu fördern und die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig auszubauen. Stattdessen blieb vieles liegen: bei der Digitalisierung, bei Zukunftstechnologien, bei Geheimdiensten und vor allem beim Militär. Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit wurden politisch verdrängt, weil sie unbequem und teuer sind.
Besonders in Deutschland entwickelte der Staat eine Vorliebe dafür, Unternehmen immer stärker zu belasten. Hohe Steuern, lähmende Bürokratie und permanente Regulierung nehmen der Wirtschaft die Luft zum Atmen. Anstatt Betriebe zu entlasten, wird Kapital abgeschöpft und in teils dubiose Auslandsprojekte oder ineffiziente Sozialprogramme umgeleitet. Auffällig ist dabei die Rolle der SPD: Während Steuerentlastungen für Leistungsträger und Unternehmen vehement abgelehnt werden, fließen Milliarden an Steuergeldern ins Ausland oder in Kanäle, deren wirtschaftlicher Nutzen kaum messbar ist. Den Leistungsträgern wird nichts gegönnt, denen, die nicht im Interesse Deutschlands handeln, alles. Auf diese Weise entsteht natürlich kein deutsches Nvidia oder Google.
Auch die Geldpolitik ist Teil des Problems. Die Europäische Zentralbank und damit Christine Lagarde betont zwar stets, sie agiere datengetrieben. In Wahrheit nutzt sie jedoch exakt dieselben Instrumente wie die US-Notenbank und läuft der US Fed mit ein bis zwei Tagen Verzögerung exakt hinterher. Der Euro ist genauso auf dem Weg in Richtung Weichwährung wie der Dollar. Die Inflation ist keineswegs nachhaltig gelöst – sie wurde lediglich temporär überdeckt.
Sollten in den USA politisch forcierte Zinssenkungen kommen, wird die EZB kaum eine Wahl haben, als nachzuziehen. Andernfalls würde der Euro zu stark, was die europäische – insbesondere die deutsche – Wirtschaft zusätzlich schwächen würde. Von geldpolitischer Souveränität kann kaum die Rede sein. Da kann Lagarde noch so beleidigt aus dem Raum rauschen.
Doch all das ist noch längst nicht alles. Bei Mandanten, die abstrakte Produkte verkauften, dringe ich immer darauf, per „Präventivschlag“ von vorn herein auf mögliche Einwände des Kunden einzugehen, da solche Anti-Storys sonst ein Eigenleben entfalten. Nobelpreisträger Daniel Kahneman wusste schon, dass wir uns als Menschen die Realität anschauen und daraus eine Story machen. Und wenn diese Story glaubwürdig klingt, dann wird sie geglaubt; unabhängig davon, ob sie wahr ist. Europa hält die Anti Story vom trotzigen Kind, das seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, weiter aufrecht und verweigert sich weiterhin der zentralen Einsicht: Man hat Fehler gemacht. Jahrzehntelang wurde zu wenig investiert – in militärische Stärke, in wirtschaftliche Freiheit, in Innovation und Unternehmertum. Enorme Summen wurden ineffizient eingesetzt oder schlichtweg vergeudet.
Was jetzt helfen würde, wäre radikale Ehrlichkeit. Ein offenes Eingeständnis: Ja, wir haben geschlafen. Ja, wir haben falsche Prioritäten gesetzt. Ja, wir stehen heute schlechter da als nötig gewesen wäre. Aber wir haben verstanden – und wir ändern den Kurs. Denn das können wir!
Das wäre genau die Geschichte, die jeder gute Manager bei einer Unternehmenstransformation erzählen würde. Und es wäre vermutlich sogar eine Geschichte, die auch Donald Trump nachvollziehen könnte. Man könnte Trump mit seiner eigenen Story konfrontieren, die er in einem seiner Bücher erzählt: Trump selbst war in den 80er Jahren mit fünf Milliarden Dollar verschuldet und zeigte in Manhattan auf einen Obdachlosen mit den Worten: „Ein armer Kerl, aber immerhin hat er fünf Milliarden mehr als ich.“ Trump hat es geschafft, von 5 Milliarden Schulden zum mächtigsten Mann der Welt zu werden. Europa kann es auch schaffen, wieder eine ernstzunehmende Weltmacht zu werden. Das wäre auch kein „Honig um den Bart“ schmieren von Trump, sondern ein klares Statement, dass es jetzt vorwärts geht.
Stattdessen verharrt Europa im moralischen Hochmut, als säße es noch immer auf einem hohen Ross und betrachte die USA als eine Art rückständige Kolonialmacht aus Zeiten der Mayflower. Europa kneift die Augen zu, dreht sich beleidigt weg und läuft davon – ein Reflex, den wir von Kindern kennen, nicht von einem Kontinent, der Anspruch auf globale Führung erhebt.
ursprünglich erschienen auf Focus Online: https://www.focus.de/autoren/veit-etzold_a4b03985-a151-4f0e-a69c-3c00ba6282f1.html